Die Energiewende ist ein Marathon

04. Dezember 2014 / Michael Eckardt, Stadtwerke Rödental, Werkleiter und Geschäftsführer

Die Energiewende wird uns in vielerlei Hinsicht zu völlig neuen Lösungen führen. Die richtigen Antworten weiß noch keiner, aber gute Ideen hätten wir schon. Wahrscheinlich müssen wir unseren Bedarf etwas bescheidener an die vorhandenen Möglichkeiten anpassen. Nichts anderes macht Demand Side Management.

Die Stadtwerke Rödental sind nur ein kleines Stadtwerk im Norden von Bayern, aber wir Kleinen sind viele. Das macht uns Mut.

Vor nicht allzu langer Zeit dachten wir Menschen, es gäbe alles im Überfluss. Man braucht es sich nur zu holen. Öl sprudelte, Kohle konnte man einfach aus der Erde baggern. Und das gespaltene Atom liefert unendlich Energie. Sogar Autos sollten mit Atomreaktoren angetrieben werden, so die damaligen Visionäre.   

Neue Sichtweisen lehren uns: „Achtung, der Planet ist begrenzt. Seid lieber etwas vorsichtiger.“ Zuletzt kam Alexander Gerst mit dieser Botschaft von der ISS zurück. Dass die Reaktorunglücke in Tschernobyl und Fukushima uns ebenfalls mahnen, unseren Übermut etwas zu zähmen, bringt uns ans Nachdenken, wie es denn besser gehen könne.

Das neue Mega-Modewort war Anfang 2011 schnell gefunden: „Energiewende“. Aber, mal unter uns: Wir Ingenieure haben das eigentlich schon immer gemacht, das mit der Energieeffizienz, vielleicht nur nicht so radikal wie derzeit. Fakt ist, dass die Energiewirtschaft von einer im Grunde fast komplett durch-entwickelten Branche zu einer der innovativsten und interessantesten Disziplinen geworden ist – zumindest in Deutschland, dem Land der Ideen.     

Die richtigen Antworten weiß noch keiner, aber gute Ideen hätten wir schon. Wahrscheinlich müssen wir auf den gewohnten Überfluss verzichten und unseren Bedarf etwas bescheidener an die vorhandenen Möglichkeiten anpassen. Nichts anderes macht Demand Side Management.

Der Stromüberfluss aus Kernkraft und Kohleverstromung wird zusehends eingeschränkt.  Gleichzeitig können zeitlich begrenzt ungeheure Kapazitäten von Wind und Sonne ins Netz drängen. Oder auch in der dunklen Flaute ganz ausfallen. Von der Erzeugungsseite her wird die Regelbarkeit des Systems immer mehr eingeschränkt. Also sollten wir uns mit der Verbrauchsseite beschäftigen. Eigentlich geht das einfach: Wenn zu wenig Strom aus der Erzeugung im Netz ist, müssen wir unnötige Verbraucher wegschalten. Das wird passieren, wenn die AKWs 2022 alle abgeschaltet sind und Kapazität fehlt. Wenn dagegen zu viel Strom im Netz ist, müssen wir Lasten ans Netz bringen und bewusst Strom verbrauchen. Das passiert in Bayern regelmäßig an den Feiertagen im Frühsommer. Die Photovoltaik produziert unglaublich viel Strom, aber die Menschen bauen am Feiertag keine Autos, sondern radeln durch die Donauauen.       

Gradmesser von zu viel oder zu wenig Strom ist immer die Frequenz im Stromnetz. Die muss in einem relativ schmalen Grat zwischen 49,8 und 50,2 Hz eingeregelt werden. Wenn diese Grenzen überschritten werden, schaltet sich das Netz automatisch ab. Einfach aus Sicherheitsgründen, damit in einer solchen Überlastungssituation nichts kaputt geht.

Hier brauchen wir Demand Side Management. DSM hilft den Verbrauch auf die Produktion von Strom einzustellen. DSM hilft, den Verbrauch und die Produktion aneinander anzugleichen, um die Grenzen der Netzfrequenz auch in der Energiewende nicht zu überschreiten.

Wir bei den Stadtwerken Rödental haben uns gefragt, müssen wir denn in der Kläranlage mittags, wenn die Photovoltaik voll einspeist, auch noch unsere Mikrogasturbinen laufen lassen? Nein, müssen wir nicht, weil wir das Faulgas aus dem Faulbehälter etwa 6 Stunden im Gasbehälter sammeln können und erst später verbrennen können und der Faulbehälter mit  seiner großen Masse jede Menge Wärme speichern kann. Klingt einfach. Also mit der dena ausprobieren!

Früher haben wir mit einem BHKW im Hallenbad Spitzen im Stromnetz geknackt und so Geld im Strombezug gespart. Könnten wir nicht mit dem BHKW das Stromnetz stützen, wenn abends wenig Wind und keine Sonne regenerativ einspeist, der Verbrauch aber hoch ist? Klingt auch einfach. Also wollen wir auch das mit der dena ausprobieren.

Bisher pumpen wir unser Trinkwasser dann aus den Brunnen in unsere Hochbehälter, wenn der Strom im NT günstig ist, also nachts. Wenn wir aber jetzt tagsüber zu viel Solarstrom im Netz haben, könnten wir die Pumpen doch tagsüber einschalten. Klingt auch einfach. Sollten wir auch mit der dena ausprobieren.  

Wenn wir gut zum Planeten sind, ist er vielleicht auch bald wieder gut mit uns. Energiewende ist Integration, jeder Beitrag wird gebraucht. Klein muss mit Groß und Groß muss mit Klein. Energiewende ist ein Marathon, kein Sprint. Sie wird uns in vielerlei Hinsicht zu völlig neuen Lösungen führen. Drei neue Lösungsmöglichkeiten habe ich gerade beschrieben. Unser Ingenieurs- und Forschergeist und unsere Kreativität treiben uns an, das auszuprobieren. Klasse, dass es den Versuch der dena gibt. Wir sind gerne dabei. Auch oder obwohl oder gerade, weil wir klein sind. Aber merkt Euch: Wir Kleinen sind viele!

Michael Eckardt
Stadtwerke Rödental, Werkleiter und Geschäftsführer
4. Dezember 2014