Zementwerk stellt Minutenreserve bereit

21. December 2015 / Tobias Hülsemann & Marcel Kraft, Clean Energy Sourcing AG

Der Zement- und Baustoffhersteller Dyckerhoff ist im Oktober dieses Jahres erfolgreich in die Vermarktung von Regelleistung eingestiegen.

Insbesondere energieintensive Industriebetriebe, die die Möglichkeit haben, Erzeugnisse oder Zwischenprodukte zu lagern oder zu speichern, eignen sich für Demand Side Management (DSM). Ein solcher Betrieb ist der Zement- und Baustoffhersteller Dyckerhoff. Das  Unternehmen ist im Oktober dieses Jahres erfolgreich in die Vermarktung von Regelleistung eingestiegen. Dafür nutzt es die Flexibilität seiner Rohmühlen. Was DSM konkret ist und wie es funktioniert, kann an diesem Beispiel verdeutlicht werden.

Beginnen wir mit einer Definition: DSM bezeichnet die gezielte Steuerung der Stromnachfrage, entsprechend der Höhe des aktuellen Strommarktpreises oder des Bedarfs an Regelleistung für einen stabilen Betrieb der Stromnetze. Mit DSM können Versorgungsengpässe vermieden sowie Erzeugungs- und Nachfrageschwankungen im Stromnetz ausgeglichen werden. Gleichzeitig eröffnet es für Unternehmen eine zusätzliche Erlösquelle und die Möglichkeit Energiekosten einzusparen.  

Ein konkretes Beispiel für DSM
So viel zur Theorie. Doch wie sieht DSM in einem ganz konkreten Beispiel aus? Ein solches liefern die Rohmühlen des Zement- und Baustoffherstellers  Dyckerhoff im rheinland-pfälzischen Göllheim. Gemeinsam mit Dyckerhoff konnten wir von Clean Energy Sourcing (CLENS) in diesem Herbst den ersten Abruf negativer Minutenreserve feiern – eine Premiere für eine Anlage aus der Zementindustrie in Deutschland!

Die beiden Mahlaggregate in Göllheim, von Fachleuten Kugelmühlen genannt, zermahlen mit einer Leistung von 3,8 Megawatt und unter hohem Stromverbrauch verschiedene Materialien zu feinem Rohmehl, das zur Herstellung von Zementklinker verwendet wird. Da hierbei der Anteil der Energiekosten an der Gesamtwertschöpfung des Zements sehr hoch ist, ist Dyckerhoff daran interessiert, die Kosten pro Kilowattstunde zu senken. Daher arbeiten die Mühlen überwiegend zu Zeiten, in denen die Strompreise niedrig und die Netze wenig ausgelastet sind – in der Vergangenheit zumeist nachts. Im Grunde ist dies ein erster Schritt hin zum DSM.

Regelleistung als lukrativer Beitrag für ein stabiles Stromnetz
Doch Dyckerhoff ist in diesem Jahr, im Rahmen seines Energiemanagementsystems, noch einen Schritt weiter gegangen: Gemeinsam mit CLENS wird seit Mai die Flexibilität der Rohmühlen am Regelleistungsmarkt in Form von Minutenreserve angeboten. Dies ist möglich, da die Mühlen in Göllheim drei wichtige Voraussetzungen erfüllen: Sie   

  • verfügen über ausreichend Materiallager, also Speicherpotentiale, die zeitliche Verschiebungen innerhalb des Produktionsprozesses erlauben,
  • lassen sich binnen 15 Minuten vollständig hoch- und wieder herunterfahren,
  • sind an unser virtuelles Kraftwerk angebunden
  • und können so durch unser Trading & Operation Cockpit von Leipzig aus flexibel gesteuert werden.

Regelleistung dient dazu, kurzfristige Erzeugungs- und Verbrauchsschwankungen im Stromnetz auszugleichen und eine stabile Netzfrequenz von 50 Hertz sicherzustellen. Dazu fragen die vier Übertragungsnetzbetreiber positive und negative Regelleistung nach. Anlagenbetreiber, in diesem Fall Dyckerhoff, erhalten im Gegenzug eine Vergütung für die reine Vorhaltung von Flexibilität. Kommt es tatsächlich zum Regelleistungsabruf, bezahlt der Übertragungsnetzbetreiber darüber hinaus den individuellen, vom Regelleistungsanbieter aufgerufenen Arbeitspreis. (Mehr zu Regelleistung auf clens.eu - www.clens.eu/direktvermarktung/regelenergie/)

Preisvolatilität an den Spotmärkten nutzen
Doch an dieser Stelle ist das Potential von DSM noch nicht ausgeschöpft: prinzipiell ließe sich die Flexibilität der Dyckerhoff-Rohmühlen auch nutzen, um untertätige Preisschwankungen am Strom-markt aufzugreifen und so die Energiekosten für das Unternehmen deutlich zu senken. Diese flexible Lastenverschiebung wird bereits heute von anderen Verbrauchern genutzt. Hier ist wichtig zu wissen, dass fest kalkulierbare Strompreismuster, wie die in der Vergangenheit üblichen Tag/Nacht-Schwankungen oder die Preishochs zur Mittagszeit, nicht mehr systematisch auftreten. Wann Strom günstig und wann Strom teuer ist, wird mehr und mehr durch den wachsenden Anteil von Wind- und Sonnenkraftwerken bestimmt. Und es ist fest davon auszugehen, dass sich der Anstieg der Preisvolatilität fortsetzt! Diese Entwicklung wird auch im aktuellen Weißbuch des Bundeswirtschaftsministeriums und in dem darauf aufbauenden Gesetzentwurf zur Weiterentwicklung des Strommarktes klar befürwortet.  

Um die Vermarktungspotentiale ihrer Flexibilität optimal zu nutzen, greifen Unternehmen wie Dyckerhoff auf einen Energiedienstleister zurück, der die Preisbewegungen an den Märkten (Day-Ahead-, Intraday- und Regelleistungsmarkt) überblickt, darauf aufbauend Potentiale für Verbrauchsverlagerung in Zeiträume mit günstigem Strompreis identifiziert und diese unter Berücksichtigung der technischen und betrieblichen Restriktionen der jeweiligen Anlage umsetzt. Eine Arbeit, die unser Trading & Operation Cockpit Tag für Tag rund um die Uhr für unsere Partner leistet.

Lastmanagement als Herausforderung und Chance zugleich
Auch wenn sich das Potential von DSM allmählich herumspricht, wird es bisher erst von wenigen Unternehmen auch wirklich umgesetzt. Woran liegt das? Neben begrenzten Erfahrungswerten in der praktischen Umsetzung spielt hierbei sicherlich eine Rolle, dass DSM selten nach fixen Mustern funktioniert, sondern sich vielmehr stark an den individuellen und technischen Rahmenbedingungen eines Unternehmens orientiert. Bei der Umsetzung von DSM müssen zudem etwaige Zielkonflikte mit den Produktionsprozessen berücksichtigt werden. Hier gilt es für uns, das Vertrauen der Akteure aus der Industrie durch erfolgreiche Umsetzung neuer DSM-Projekte weiter zu stärken und zu zeigen, dass sich DSM widerspruchsfrei mit den Produktionsprozessen vereinen lässt.

Fazit
Unterm Strich lässt sich sagen, dass DSM alle Beteiligten vor neue Herausforderungen stellt. Doch dieser Schritt lohnt sich wirtschaftlich für die Unternehmen und bringt gleichzeitig die Energiewende als Ganzes voran. DSM bringt darüber hinaus nicht nur Unternehmen, sondern auch die Energiewende als ganzes voran. Denn wollen wir unseren Strombedarf in Deutschland überwiegend aus Erneuerbaren Energien decken, müssen wir konsequent auf die Flexibilisierung der Erzeugung und des Verbrauchs setzen. Ein kluges Demand Side Management bildet hierfür eine wichtige und nachhaltige Grundlage.

Tobias Hülsemann & Marcel Kraft, Clean Energy Sourcing AG